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Wir heizen buchstäblich zum Fenster raus

Der renommierte Architekt und Experte für nachhaltiges, energieeffizientes Bauen fordert verstärkte Investitionen, um die kostbare Abwärme-Energie von Gebäuden zu nutzen. Im Rahmen einer neuen Studie rechnet er vor, wie wir zu Spitzenlastzeiten im Winter 2.000 Windräder einsparen können. 

1. Deutschland droht durch die gedrosselte Gasversorgung aus Russland ein kalter Winter bevorzustehen. Die Politik sucht derzeit fieberhaft nach Lösungen, um die schlimmsten Szenarien abzuwenden. Vor allem der Ausbau erneuerbarer Energien soll uns aus der Krise führen. Sie haben sich als Architekt intensiv mit der energetischen Versorgung von Häusern beschäftigt und zahlreiche Effizienz- und Passivhaus-Projekte betreut. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Strategie der Regierung?

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist extrem wichtig, um uns aus der Abhängigkeit russischen Gases zu befreien. Aber wir müssen einen Schritt weitergehen und parallel zum Ausbau der Erneuerbaren deutlich mehr Energie einsparen. Beides zusammen ist mit Blick aufs Klima alternativlos. Die aktuelle Debatte verengt sich viel zu sehr auf das Thema Energieerzeugung. Dabei ist die beste Energie doch diejenige, die gar nicht erst erzeugt werden muss. 

Bildquelle/Fotograf: 123rf-120141569_m/anatoliygleb

2. Das mag sein, doch wie sorge ich für die nötige Wärme, wenn nicht durch das Erzeugen von Energie?

Schauen wir uns die Heizlast eines Hauses an – also die Wärmezufuhr, die ich für ein Gebäude benötige. Sie wird im Wesentlichen durch zwei Faktoren beeinflusst: durch Transmissions- und Lüftungswärmeverluste. Bei der Transmissionswärme reden wir über die Energie, die durch die Außenhülle eines Gebäudes entweicht. Hier lässt sich durch Wärmedämmung Energie einsparen. Das steht bereits auf der politischen Agenda, wird aber nicht konsequent genug umgesetzt. Einsparungen bei den Lüftungswärmeverlusten, also der Energie, die uns durch das Lüften abhandenkommt, sind ein weiteres äußerst lohnendes Feld. Darüber liest und hört man bisher selten etwas. 

3. Vielleicht weil die Lüftungswärmeverluste eher gering ausfallen?

Das kann, glaube ich, nicht der Grund sein. So haben wir im Rahmen einer Studie Modellrechnungen erstellt, die zeigen, dass gut 50 Prozent der Wärmeverluste, die bei energieeffizienten Neu- und hochwertig sanierten Altbauten entstehen, auf das Lüften zurückzuführen sind. Das bedeutet: Die Hälfte der Energie, die ich gerade aufgewendet habe, um meine Innenräume auf Wohlfühltemperatur zu bringen, lasse ich im nächsten Moment bereits wieder entweichen – wir heizen buchstäblich zum Fenster raus! 

Bildquelle/Fotograf: 123rf-31323149_m/inasanders

4. Dann wäre es doch das Beste, wir lüften einfach weniger im Winter – Problem gelöst!

Das ist sicherlich keine gute Idee, denn beim Lüften geht es ja nicht nur um die Beseitigung unangenehmer Gerüche, die man notfalls ertragen könnte, sondern um die Qualität der Luft, die wir atmen. Durch die Corona-Pandemie haben wir doch gerade erst gelernt, welche Bedeutung Lüften dabei spielt, beispielsweise virusbelastete Aerosole zu reduzieren. Eine besondere Bedeutung hat zudem die Feuchtigkeit, die sich durch Duschen, Kochen, nasse Wäsche, aber auch durch das Atmen in den Innenräumen sammelt. Befördern wir diese feuchte Luft nicht nach außen, bilden sich oft Schimmelpilze, die schlecht sind für die Gesundheit und das Gebäude. Um das Lüften kommen wir also nicht herum. 

5. Was also tun, wenn wir nicht auf frische Luft verzichten können, aber auch nicht ungebremst zum Fenster rausheizen wollen?

Der erste Schritt wäre, das Lüften nicht durch die klassische Fensterlüftung zu organisieren. Wer nach der Methode Fenster-auf-Fenster-zu vorgeht, muss alle zwei, drei Stunden für zehn Minuten querlüften – was zu erheblichen Wärmeverlusten führt und vor allem nachts nicht besonders angenehm ist. Besser ist es, wenn der Luftaustausch durch eine Wohnraumlüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung gesteuert wird. Hierbei wird die in der Abluft enthaltene Wärme über einen Wärmetauscher der Zuluft wieder zugeführt und damit kontinuierlich angenehm vorgewärmte Außenluft in die Wohn- und Schlafräume gebracht – natürlich ohne dass sich ein- und ausgeführte Luft dabei vermischen.

Bildquelle/Fotograf: Pixabay-6209793_1920_HarmvdB

6. Wie viel Energie lässt sich so rückgewinnen?

Wenn wir vorsichtig rechnen, können wir durch die Installation einer Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung 5 Watt pro Quadratmeter beheizter Fläche einsparen. Die durchschnittliche Pro-Kopf-Wohnfläche in Deutschland beträgt aktuell 47,4 Quadratmeter – so verringert sich also die benötigte Energie um 237 Watt pro Person. Gelingt es uns, in jedem zweiten Haushalt, in denen insgesamt 41,4 Millionen Menschen leben, eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung zu installieren, sind wir bei rund 10.000 Megawatt, die insbesondere an kalten und sonnenarmen Wintertagen nicht bereitgestellt werden müssen. Das entspricht der Leistung von etwa sieben Atomkraftwerken oder 2.000 Onshore-Windkraftanlagen. 

7. Das sind massive Einspareffekte, aber der Einbau von Wohnraumlüftungsanlagen und Wärmepumpen dürfte für die Einzelnen nicht gerade billig sein …

Es gibt inzwischen zahlreiche Anlagen mit Wärmerückgewinnung, die sehr wirtschaftlich zu installieren sind. Zudem wäre es ein Fehler, nur auf die Anschaffungskosten einer solchen Lösung zu schauen. Allein durch die Reduzierung der Heizlast bei der Wärmepumpe sparen gute Planer die Investitionskosten ein, die sie als Mehrkosten für die Wärmerückgewinnung gegenüber der ohnehin erforderlichen Abluftanlage haben. Natürlich muss auf niedrige Wartungskosten der Anlagen geachtet werden. Nebenbei wird kräftig Energie gespart. Hierbei gilt: Je stärker die Energiepreise steigen, desto deutlicher rechnen sich die Investitionen für eine Wohnraumlüftungsanlage. Gleichzeitig muss sich aber auch die Politik bewegen: Rahmenbedingungen und Förderungen müssen so gestaltet werden, dass der Einbau von Lüftungen mit Wärmerückgewinnung für alle Beteiligten hoch interessant ist. 

8. Auch wenn es im Rahmen der Energie- und Klimakrise aktuell Wichtigeres gibt, dennoch die Frage an den auf Ästhetik bedachten Architekten: Sind diese Lüftungslamellen nicht einfach hässlich?

Die Frage nach der Ästhetik bleibt selbstverständlich auch in der Krise erlaubt. Aber ich kann Sie beruhigen, denn mittlerweile haben Hersteller Lösungen gefunden, die Lüftungsanlagen harmonisch mit Architektur und interior design verbinden. Außenluftelemente lassen sich in Fensterlaibungen oder Fassadenelemente einfügen, und in der Wohnung integriert man Designblenden in Wände oder den Fußboden. Bei guter Planung sehen Wohnraumlüftungsanlagen schick aus und sorgen zudem für mehr Komfort in den eigenen vier Wänden, weil man ständig frische und gesunde Luft im Raum hat und sich die nervige Fensterlüftung sparen kann. Und wenn Sie das Fenster mal weit aufmachen möchten – das können Sie natürlich auch weiterhin. 

Zur Person: Dr. Schulze Darup ist freischaffender Architekt und Stadtplaner in Berlin. Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen in der Durchführung und Begleitung von Sanierungs- und Neubauprojekten im Bereich des nachhaltigen und energieeffizienten Bauens. Er legt Wert auf die Bewahrung bestehender Bauten und setzt bei ihrer Sanierung auf innovative Neubautechnik und Plusenergie-Konzepte. Parallel kümmert er sich um städtebauliche Fragen und entwickelt Quartierskonzepte, die neuartige Versorgungs- und Mobilitätslösungen umfassen. Er beschäftigt sich intensiv mit der Fragestellung, wie unser Gebäudebestand bis zum Jahr 2045 Klimaneutralität erreichen kann und hat sich durch seine Forschung und Publikationen zu diesem Thema deutschlandweit einen Namen gemacht. 

Quelle: Pluggit GmbH

02.11.2022, https://www.ownersclub.immo/blog/2022/11/01/wir-heizen-buchstaeblich-zum-fenster-raus/

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